Denn wir halten es verdienstlich, / lobenswürdig ganz und gar,/ unsere Blumen glänzen künstlich,/ blühen fast das ganze Jahr oder Kunstblumen aus Sachsen

Johann Wolfgang Goethe
Faust II.Teil

Was Goethe sagt, kann nicht irrig sein, oder?!
Und so ist mein Lieblingsfenster im Winter mit Kunstblumen geschmückt.

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Mir gefällt es so sehr.
Dazu gibt es natürlich eine Geschichte.
Die Befüllung meines Lieblingsblumenkastens hat eine Grundausstattung.
Der Efeu und der Blauschwingel bleiben immer.
Jahreszeitenmässig gibt es dazu Ergänzungen.
Im Frühjahr Narzissen oder Hyazinthen, der Sommer schmückt sich mit Männertreu. Im Herbst ist das Bunt der Weinlaubblätter an der Mauer farbiger Rahmen.
Für die Wintermonaten verwende ich schon seit einigen Jahren Kunst – oder Seidenblumen als Schmuck.
Und diese kommen auch noch aus Sachsen.
Aber dazu später.
Blumen aus Seide gibt es schon seit rund 3000 Jahren.
Im Alten Testament werden sie erstmals erwähnt.
König Salomon soll sich der Liebe der Königin von Saba als würdig erweisen und das mit dem Lösen von Rätseln beweisen.
Eines der Rätsel ist folgendes:
Die Königin von Saba hat 12 Lilien aufstellen lassen.
Echte und künstliche Blumen.
Der König soll nun raten, welche echt sind und welche falsch.
Er öffnet das Fenster und die Bienen setzen sich nur auf die echten Blumen. So hat er das Rätsel weise gelöst, zu sehr ähneln für’s Menschenauge  künstliche Blumen den echten.
Gut gemachte Seidenblumen wirken täuschend echt.
Nur der Duft fehlt.
Deswegen parfümierten die Alten Ägypter ihre kostbaren Kränze aus Seidenblumen und machten sie damit zum fast perfekten Imitat.
Das sich dies nur die Vornehmsten leisten konnten ist klar.
(Die Freude die echte Blumen verbreiten, haben hoffentlich auch die Armen genossen.)
Auch im Rom der Antike sind Seidenblumen bekannt und beliebt.
Ob Kleopatra sie aus Ägypten mitbrachte?
Mit dem Niedergang des Römischen Reiches geriet die Blumenmacherkunst in Vergessenheit.
Erst im frühen Mittelalter taucht sie wieder auf.
Die Nonnen in den Klöstern Italiens wollen die Haltbarkeit des Blumenschmuckes in den Kirchen verlängern und beginnen mit der Herstellung von Kunstblumen aus Seidenresten.
Das verbreitet sich schnell und so entstehen in den norditalienischen Seidenmanufakturen aus Resten die „welschen Blumen“.
Ab der Barockzeit und vor allem im Rokoko gelangt dieses Handwerk nach Böhmen und von dort nach Paris.
Die Modestadt fand Gefallen an dem Schmuck und ChiChi der künstlichen Blumen und so zogen sie ins Weltliche ein.
Für viele Frauen schuf die leichte Handarbeit eine Einnahmequelle.
Ausgewanderte Hugenotten brachten die Fertigkeit nach Berlin und Sachsen- Weimar.
Dass Kunstblumen in Goethe‘ s Faust auftauchen, dürfte mit seiner späteren Ehefrau Christiane Vulpius zu tun haben.
Ebendiese war eine von 50 Angestellten in einer Weimarer Papierblumenmacherei.
1834 trat Sachsen dem Deutschen Zoll Verein bei.
Ab nun mussten auf die immer noch zum Großteil aus Böhmen eingeführten Seidenblumen Zollgebühren bezahlt werden.
Diese Verteuerung führte zu Manufakturgründungen in den grenznahen Gebieten um Sebnitz und Neustadt.
Hilfreich dabei war, dass die Handweberei auslief, der mechanische Webstuhl trat gerade seinen Siegeszug an.
Die Frauen suchten und fanden neue Arbeit im Blütenmachen.
75 % der deutschen Kunstblumen an Hüten, Kleidern und im Knopfloch kamen damals aus Sachsen.
Als Paris sich 1870/1871 im Kriegszustand befand und es zu Lieferengpässen kam, setzte sich Sachsen gar an die Weltspitze in der Hersteller von Seidenblumen.
Nach 1928 ging die Mode neue, einfachere Wege und der Bedarf sank stark.
Im 2. Weltkrieg ruhte das Geschäft fast ganz, die meisten Händler und Warenhausbesitzer waren Juden.
Mehr muss dazu nicht gesagt werden, dieser schreckliche Krieg hat so viele Menschen und ihre Freuden vernichtet.
1953 wurden in der damaligen DDR im Raum Sebnitz – Neustadt rund 100 kleine Betriebe zum VEB Kunstblume vereinigt.
Die DDR versuchte u.a. mit Kunstblumen ihren Devisenbedarf aufzubessern.
Ein großer Teil der Produktion ging in’s kapitalistische Ausland.
Die Kunstansteckblumen für DDR Bürger waren aus Plastik.
Zum 8. März, dem Internationalen Frauentag, musste man eine Plasikansteckblume für 50 DDR – Pfennige erwerben. Es gab sie in allen fast allen Blumenarten.
Ich weiß noch wie ich einmal zu Fasching als Blumenmädchen ging.
Meine Mutter hatte mir ein weißes Röckchen aus glänzendem Stoff genäht und überall waren Plastikblumen mit einer Sicherheitsnadel angeheftet.  Für mich war das ein ganz herrliches Kostüm.
Und natürlich gab es zum 1. Mai eine rote Anstecknelke aus Kunststoff.
Bis in die 70ziger Jahre blieb Sebnitz
beliebter Produzent, danach hat Fernost die Macht übernommen und produziert billig.
Ob auch besser sei dahingestellt.
Die „Deutsche Kunstblume Sebnitz“
existiert weiter als Manufaktur.
In ihr hergestellte Blüten tragen einen Anhänger mit der Aufschrift „Kunstblume Sebnitz“ und sind nach wie vor die Schönsten und sehen täuschend echt aus.
Wem mein Blumenkasten nicht als überzeugendes Argument ausreicht, der kann sich vor Ort gern selbst überzeugen.
Es gibt eine Schaumanufaktur in Sebnitz und einen Rundgang, der die Herstellung erklärt, gibt es auch.
Man kann „Selberblümeln“ oder im Manufakturladen kaufen. Von der einfachen Blüte bis zum Hochzeitsschmuck gibt es alles.
Natürlich kann auch online gekauft werden und die Preise sind bezahlbar.
Sollte jemand besonders romantisch sein, die Manufaktur bietet an, den Hochzeitsstrauß aus künstlichen Blumen nachzubilden.
Für die Ewigkeit also.
Und auch die Queen hat schon Blumen aus Sebnitz an ihrem Hut gehabt.
Ich habe meine nur in meinem weihnachtlich geschmückten Blumenkasten.

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26 Gedanken zu „Denn wir halten es verdienstlich, / lobenswürdig ganz und gar,/ unsere Blumen glänzen künstlich,/ blühen fast das ganze Jahr oder Kunstblumen aus Sachsen

  1. Herr Ärmel

    Ich liebe diese handlich kurzen Überblicksdarstellungen. Vielen Dank für Ihre Erinnerung an Sebniz.
    Auf einer meiner frühen Erkundungsreisen entdeckte ich auch die Sebnitz. Von der Stadt und ihrer Bedeutung als Kunstblumenstadt hatte ich keine Ahnung.
    Ich habe Seidenblumen von ungeheurer Schönheit gesehen.
    Novembergraumorgenungemütliche Grüsse aus dem erwachenden Bembelland

    Antwort
    1. arabella50 Autor

      Guten Morgen lieber Herr Ärmel,
      vielleicht besuchen Sie das Kunstblumenhaus Sebnitz, wenn Sie wieder einmal dort sind. Die Schönheit der Blumen ist atemberaubend.
      Die weißen Seidenrosen die in Dresden an die Schrecken des 2. Weltkrieges erinnen, kommen auch aus Sebnitz.
      Und selbst in meiner Kleinstadt gab es einen Firmenableger.
      Leider nur bis zur Wende.
      Sonniges.
      P.S. ich hoffe sehr, heute ist meine Überraschung bei Ihnen.

      Antwort
      1. Herr Ärmel

        Überraschung? Gut Ding will Weile brauchen.. 😉
        (ich werde Sie nach Ankunft sogleich in Kenntnis setzen)
        Mittäglichsichdahinziehende Grüsse aus dem novembriggrauen Bembelland

  2. marliesgierls

    Eigentlich mag ich nur „echte“ Blumen, aber Ausnahmen dürfen sein! So habe ich in der Adventszeit auch „unechte“ Adventssterne, ich setze sie sparsam ein, an einigen Orten, geht das gar nicht anders und man kann so eine schöne Stimmung zaubern, wie bei deinem Fenster. Also erfreue Dich daran, das ist das wichitgste! LG Marlies

    Antwort
  3. Karin

    Als die Frauen sich früher mit diesen Wagenrädern an Hüten (im übrigen, die einzigen die mir stehen, aber leider außer Mode sind -:((() schmückten, waren diese ja oft mit zauberhaften Kunstblumenarrangements geschmückt, da dürfte auch Seibniz die Hochblüte gehabt haben. Von einer Manufaktur dort habe ich jetzt auch erst von Dir gehört und es ist ihnen zu wünschen, dass sie der Konkurrenz aus Fernost widerstehen.
    Ich mag beides: frische und Kunstblumen, nur müssen sie täuschend ähnlich sehen und dann sind sie auch heute noch kostspielig. Die Belgier und Holländer sind darin inzwischen auch Meister und ich bewundere ihre Kreationen immer auf der Messe in Frankfurt.
    Ich werde auf jeden Fall mal den online-Shop zum Schauen besuchen.
    Und wieder ist ein Eckchen bei Dir weihnachtlich gestaltet….bald wird es weitergehen?

    Mit herzlichem Gruß aus dem ziemlich kalten Hanau, auf dessen Wochenmarkt soeben Tannengrün, Zuckerhutfichte und Misteln erstanden wurde. Vielleicht schickt uns Petrus zum 1. Advent Schnee …

    Antwort
    1. arabella50 Autor

      Kalt für Schnee ist es heute bei uns.
      Sebnitzer Kunstblumen sind exclusiv und das Haus hat einige Großaufträge.
      Schau mal, vielleicht gefällt dir was.

      Der verflossenen Hutmode trauere ich hinterher. Hüte sind famos, ich trage sie gern, wann immer es passt.
      Liebe Grüße zu dir.

      Antwort
  4. keinbisschenleise

    Weißt du, was ich total genial finde ?

    Wenn ich extra zu den Blumen hin gehen muss, sie berühren , um dann festzustellen, die sind ja sowas von täuschend echt !!!

    Und genau diese Seidenblumen sind das *ja

    Ich setze sie als Blickfang auch gerne mal in der kalten Jahreszeit auf meinem Balkon ein und an deinem Fenster gefallen sie mir außerordentlich gut.

    Danke auch für die interessant Berichterstattung der Kunstblumen aus Sebnitz, von denen ich bisher nichts näheres wusste.

    Einen sonnigen Nachmittagsgruß

    Uschi ❤

    Antwort
    1. arabella50 Autor

      Die Blumen finde ich nichr kitschig, was bei Kunstblumen durchaus passieren kann.
      In der Wohnung mag ich keine, hier sehr.
      Liebe Grüße an dich liebe Uschi.<3

      Antwort
  5. merlanne

    Eigentlich habe ich ein zwiespältiges Verhältnis zu Kunstblumen, doch an Deinem Fenster sieht die Winterdekoration richtig gut aus. Danke für die interessanten Hintergrundinfos zu diesem Thema,
    Liebe Grüsse,
    Claudine

    Antwort
  6. AnDi

    Was für ein wunderbarer und interessanter Artikel! Danke dafür, dass Du uns Deine Heimat mit all ihren uns unbekannten aber sehr interessanten Details immer wieder ein Stück näher bringst!

    Die Blumen sehen toll aus und setzen das Lieblingsfenster toll in Szene!

    LG
    AnDi

    Antwort
  7. stachelvieh

    Meine Lieblingsblume ist der Klatschmohn. Und so habe ich ganzjährig (!) einen kleinen Strauß bei mir stehen. Er verdirbt nicht und schenkt mir doch eine Illusion von Sommer… warum denn auch nicht? Der echte Klatschmohn darf auf seinen Wiesen und Feldrainen bleiben 🙂

    Antwort
  8. Lutz

    Toll dein Fenster. Eigentlich gefallen mir echte Blumen besser. Aber es gibt mittlerweile tolle künstliche Blumen die kaum von echten zu unterscheiden sind. Dir noch einen schönen Abend. L.G.

    Antwort
  9. Silberdistel

    Hübsch 🙂 So hat Dein Fenster auch im Winter einen ganz besonderen Zauber und lieben Dank für die interessante Bildungsreise – wieder etwas dazugelernt.
    Liebe Grüße an Dich und ein schönes Adventwochenende wünscht die Silberdistel

    Antwort

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