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9.November – ein Resümee oder Schmorkraut nach DDR – Rezept

Der 9.November ist ein schicksalsträchtiger Tag in der Geschichte Deutschlands.
Wiederholt.
9.November 1848 – Scheitern der Märzrevolution
9.November 1918 – Novemberrevolution
9.November 1923 –  Hitler-Ludendorf-Putsch
9.November 1938 –  Novemberprogrom
9.November 1989 –  Fall der Berliner Mauer
Das letzte Ereignis habe ich miterlebt, auf der Seite der DDR Bürger.
Die Erinnerung an das Fach Geschichte in meiner Schulzeit hat einen faden Beigeschmack.
Eines der größten Vergehen der DDR Diktatur ist für mich u.a. die Weitergabe völlig verzerrter, ja zum Teil falscher geschichtlicher Inhalte an Schulkinder.
Mich hat es Jahre gekostet meine geschichtliche Orientierung auf einen einigermaßen allgemeingültigen Stand zu bringen.
Den 9. November 1989 habe ich selbst erlebt, dies versetzt mich in die Lage ihn, aus meiner Sicht, zu beurteilen.
Die Hoffnung jenes Tages ist gewichen, auch nach 25 Jahren ist eine wirkliche Einheit nicht zustande gekommen. Dieser Zeitraum ist zu kurz. Mauern werden schneller gebaut als eingerissen. Vor allem die in den Köpfen sitzen fest.
Erinnerung an Gutes bleibt ebenso und so fällt mir ein Gericht ein, welches ich damals wie heute sehr mochte und mag.
Wenn es nicht alles in der DDR zu kaufen gab, eins gab es immer – Weißkraut.
Ursprünglich stammt der Kohl aus dem Mittelmeerraum bzw. von der Atlantikküste und ist ein Abkömmling des dort wachsenden Meerkohles.
Bekannt ist Weißkohl seit der Antike, dort wurden seine Blätter für Wickel genutzt, die gegen Gicht und Rheuma, Schwellungen und Prellungen eingesetzt wurden.
Diese Wickel sind fast vergessen.
Heute ist Wickel +Weißkraut = Kohlroulade.
Ich mag das weiche Hackfleisch in den Kohlrouladen nicht, das gebratene Kraut finde ich köstlich.
Also mache ich gleich gebratenes Weißkraut, Schmorkraut eben.

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Der Vimanin C Gehalt im Kohl liegt mit 46mg/100g hoch.
Weißkraut hat noch eine andere Stärke.
Es besitzt Ascorbigen – eine Vorstufe des Vitamin C – die erst durch garen in Vitamin C umgewandelt wird.
Kurz gekochtes Weißkraut – und die Betonung liegt auf kurz –  hat also einen höheren Vitamin C Gehalt als rohes Kraut.
Neben anderen wertvollen Inhaltsstoffen besitzt es Senfölglykoside,  die antibiotisch wirken, was wieder die antiken Wickel erklärt.
Weißkohl in Form von Sauerkraut hat vielen Seeleuten das Leben gerettet, indem es sie vor der tödlichen Vitamin – C – Mangel Krankheit Skorput schützte.
In der DDR war die Versorgung mit Obst und Gemüse oft ein heikles Thema, Südfrüchte und edle Obst-und Gemüsesorten waren Mangelware.
Ein Grundangebot an Obst und Gemüse war jedoch immer vorhanden, Rot – und Weißkohl gehörten dazu.
In allen Gaststätten gab es als Salatbeilage Rotkraut-und Weißkrautsalate und noch heute habe ich eine Vorliebe dafür.
Bei aller damals herrschenden Mangelwirtschaft möchte ich hier einmal betonen, dass ich verschiedenes, was ich damals lernte auch heute für sehr wichtig und auch richtig halte.
Obst- und Gemüse sollten zu ihrer Saisonzeit verspeist werden. Dann schmecken sie am Besten, sind preiswert und der ökologische Vorteil liegt auf der Hand.
Warum müssen wir aus fernsten Ländern Erdbeeren einfliegen lassen, wenn aus saisonbedingten Gründen bei uns keine vorhanden sind. Es gibt genügend Wintergemüse, die bei uns wachsen und auch süße Winterfruchgenüsse bringen.
Zurück zum Weißkohl,  ihn verarbeite ich heute zu Schmorkraut nach einem DDR -Rezept.
Dazu brauche ich:
1 kleinen Weißkohl
1 große Zwiebel
Schinkenspeck
1 EL pulverisierte Hühnerbrühe (früher tat es ein Brühwürfel)
Salz, Pfeffer, Butter, Öl und wer mag Kümmel
Der Kümmel fehlt bei mir, wir mögen ihn nicht.
Es ist also ein ganz preiswertes und schnell zu bereitendes Gericht, das auch unter der Arbeitswoche eine schnelle, warme und doch frisch hergestellte Mahlzeit ermöglicht , ohne Stunden mit der Vorbereitung zu verbringen.
Alle Frauen in der DDR gingen zur Arbeit, der Hauhalt musste nebenbei organisiert werden.
Eine nützliche Hilfe dabei war der Haushaltstag. Einmal im Monat konnte jede Frau einen bezahlten Tag Freistellung in Anspruch nehmen.
An diesem Tag wurde geputzt und natürlich gekocht und ich komme jetzt wieder zu meinem Schmorkraut zurück.

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Das Kraut schneide ich in kleine, jedoch nicht winzige Stücke.
In einen großer Topf gebe ich etwas Öl und Butter.
Dahinein kommt schichtweise der Kohl und wird angedünstet.
Hier schneide ich immer einen 1/4 Kohl und brate ihn an, während des Anbratens schneide ich das nächste Viertel, bis der ganze Kohl im Topf vor sich hin schmorgelt.
Nun lasse ich ihn vorsichtig bräunen.

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In der Zwischenzeit brate ich in einem kleinen Tiegel den Schinkenspeck und die Zwiebel an.

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Ist die Zwiebel leicht glasig,  gebe ich einen reichlichen Eßlöffel gekörnte Hühnerbrühe hinzu. (Feinschmecker mögen mir bitte vergeben.)
Wenn die Zwiebel leicht geröstet ist, lösche ich das Ganze mit wenig Wasser ab.

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Diese, sich selbst intensiv würzende, Mischung gebe ich nun über den vor sich hinbratenden Kohl, Salz ist dann zusätzlich meist nicht mehr von Nöten.
Gut umrühren, nochmal kurz vor sich hin schmorgeln lassen – fertig.
Das Ganze dauert keine Viertelstunde,  was für die Vitamine wichtig ist, zu langes Kochen würde sie dann doch zerstören.

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Mit einer Scheibe frischem Brot dazu ist ein herbstliches Abendessen fertig.
Als Mittagessen würde ich Kartoffeln und Frikadellen dazu reichen oder auch nur gute Bauernkartoffeln und eine wohlschmeckende Mahlzeit ist bereitet.
Mir schmeckt dieses einfache Essen auch wunderbar ohne alles, ganz allein.

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Dafür gibt es dann meinen geliebten Pudding zum Nachtisch oder ein Stück Guggelhupf, Vitamine hatte ich ja schon im Hauptgang.
Für mich war das ein gelungener Ausflug in die Erinnerung.
Die Vergangenheit in der DDR ist, bei  allem was schlecht war, ein Teil meines Lebens.
Viele menschliche Eigenschaften Einzelner, die am Ende zur friedlichen Revolution geführt haben, fehlen mir in dieser heutigen, oft nur auf Konsum und Ego ausgerichteten, Gesellschaft sehr.
Meine Vergangenheit ist und bleibt Teil meines Lebens, was wäre ich ohne sie.